Bewundert, ausgegrenzt und verleumdet – DAV und Paul-Preuss-Gesellschaft über das Schicksal jüdischer Bergsteiger und die Lehren daraus

Veranstalter und Initiator des Abends über jüdische Bergsteiger und Bergsteigerinnen: «Beswundert, ausgegrenzt und verleugnet» (von links): Georg Bachler, Josef Klenner und Nicho Mailänder.


Seinen Blick auf die Bedeutung und das Schicksal jüdischer Bergsteiger und Bergsteigerinnen hat der Deutsche Alpenverein (DAV) in den letzten Jahren erheblich geschärft, und trotz vieler Jahre der Ausgrenzung und Verfolgung im 20. Jahrhundert ist sich der DAV auch dieses dunklen Kapitels seiner Geschichte bewusst. So hat er jetzt im Zuge der Erinnerung an 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland zusammen mit der Internationalen Paul-Preuss-Gesellschaft (IPPG) einen offensiven Blick auf diesen Teil der alpinen Geschichte geworfen. Bei dieser Veranstaltung mit dem Titel „Jüdische Bergsteiger*innen: Bewundert, ausgegrenzt und verleugnet“, die wegen der Pandemie im November 2021 verschoben werden musste und nun am 11. Mai 2022 in der neuen DAV-Geschäftsstelle stattfand, warfen mehrere kompetente Redner einen speziellen Blick auf bedeutende jüdische Alpinisten, die zum Teil verfolgt, verleugnet und zum Teil auch ermordet wurden.

 

Dabei betonte der langjährige DAV-Präsident Josef Klenner die Verantwortung seines Verbandes für dieses dunkle Kapitel in der Alpenvereinsgeschichte und die Bereitschaft, sich damit offensiv auseinanderzusetzen. Im Mittelpunkt des Abends standen der Große Freikletterer Paul Preuss (1886–1913) aus Altaussee, den Moderator Ernst Vogt als den „geistigen Vater des Freeclimbings“ bezeichnete, und Viktor E. Frankl (1905–1997), der trotz Verfolgung durch die Nazis und KZ-Haft den Holocaust überlebte und sich einen Namen als Begründer der Logotherapie machte. Klenner beschäftigte sich auch mit dem Ausschluss der jüdischen Bergsteiger und Bergsteigerinnen aus dem Alpenverein, der sich heute gegen Intoleranz und Hass, hier die systematische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, für Toleranz, Respekt und Freiheit einsetze.

 

Tiefe Liebe zu den Bergen

Minister a. D. Ludwig Spaenle, Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe, hob die Verbindungen zwischen Juden und den Bergen hervor und sagte, es gebe ein „tiefe Liebe dieser Menschen zu den Bergen“. Im Übrigen dankte er dem Deutschen Alpenverein und der Internationalen Paul-Preuss-Gesellschaft dafür, dass sie sich dieses Themas angenommen hätten.

 

Kraftzentrum des Alpinismus

Georg Bachler, Obmann der mitveranstaltenden Paul-Preuss-Gesellschaft, stellte diese vor (www.paulpreuss-gesellschaft.com) und wies darauf hin, dass die Verdienste jüdischer Bergsteiger bei der Entwicklung des Alpinismus in der Öffentlichkeit viel zu wenig bekannt seien. Die IPPG sei „völlig frei und unabhängig, aber der Würde des Menschen verpflichtet“. Juden seien das „Kraftzentrum“ zur positiven Entwicklung des Alpinismus gewesen. Dabei erinnerte er nicht nur an Paul Preuss, sondern unter anderen an Günther Oskar Dyhrenfurth und Eduard Süß, den großen Wiener Geologen und Bergsteiger, Mitbegründer des ÖAV. Wir müssten Tatkraft zeigen „und mit unserem Tun gute Grundlagen schaffen für eine gute Zukunft“.

 

Mit Leben und Wirken von Paul Preuss beschäftigte sich Andres Dick, Alpinjournalist und Bergführer; er verlas das Manuskript von Nicho Mailänder, der als Mitglied der IPPG Initiator und Motor dieser Veranstaltung war. Paul Preuss, Doktor der Biologie, sei mit einer großen Leichtigkeit unterwegs gewesen und habe sein klettersportliches Credo „Das Können ist des Dürfens Maß“ verinnerlicht. Für Preuss war Klettern eine „Kunstform“, genauso wie Musik, Malerei oder Literatur. Preuss nahm auch deutlich Stellung zu alpinen Streitthemen wie dem sogenannten Mauerhakenstreit, also dem Klettern mit künstlichen Hilfsmitteln. „Bergtouren, die man unternimmt, soll man nicht gewachsen, sondern überlegen sein“, war eine seiner Maximen. Und er habe uns ein Ideal vorgelebt, das heute vielleicht wichtiger sei denn je: „Echtes Wachstum gelingt durch Verzicht.“

 

Säkulare Form der Askese

Robert Renzler, ehemaliger Generalsekretär des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV), erinnerte an Viktor E. Frankl, der mit 19 Jahren zum Klettern begonnen und mit 80 Jahren damit aufgehört hatte. Frankl sah im Bergsteigen eine moderne säkuläre Form der Askese, in der es vor allem um eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst und dessen Nöten, Ängsten und Schwächen gehe; und dieser Angst sei „mit der Trotzmacht des Geistes“ zu begegnen, indem man sich „von sich selbst nicht alles gefallen lässt“. Seine Begeisterung für das Bergsteigen trug ihn auch dann noch, „als er nackt und kahlgeschoren im KZ Auschwitz sein mit großem Stolz getragenes Bergführerabzeichen der Sektion Donauland zusammen mit seinem Ehering abgeben musste.

 

Über München hinwegsehen

Ihren jüdischen Blick auf die Berge vermittelte Dr. Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern; wegen einer Erkrankung konnte sie nicht persönlich teilnehmen; für sie trug DAV-Vizepräsidentin Melanie Grimm diese Rede vor. Dabei sagte sie zweideutig in Anspielung auf die Geschichte der Stadt während der Nazizeit - man habe damals „über München hinwegsehen“ müssen, um die geliebten Berge zu sehen.

 

Entschlossen gegen Intoleranz und Ausgrenzung

Kurz, aber ebenfalls beeindruckend, war die in die Zukunft weisende Ansprache des DAV-Bundesjugendleiters Simon Keller, der es beschämend fand, was seinerzeit unter dem Zeichen des Edelweiß getan wurde. Für die Jugend des DAV stelle es eine besondere Verantwortung dar; es bedeute, im Bewusstsein dieser Geschichte zu handeln. Dies umso mehr, als was uns heute begegne: die Zunahme des Antisemitismus, rassistisch motivierter Gewalt und rechtem Terror. Man müsse die Werte nach außen tragen und nach innen leben: Freiheit, Respekt und Verantwortung. „Wir wollen Teil einer Gesellschaft sein, die sich entschlossen gegen Intoleranz und Ausgrenzung stellt, eine Gesellschaft, die für Offenheit, Vielfalt und Akzeptanz einsteht.“

 

Zum Schluss tauchte noch der Spitzenbergsteiger Thomas Huber auf, gerade von einem Vortrag gekommen, der über seine Motivation des Bergsteigens sprach. „Wir Bergsteiger sehen uns alle als Erben (von Paul Preuss), wir haben diesen Verzichtsalpinismus gelernt.

 

H./13.05.2022 | Fotos: Helmberger

 

Georg Bachler, Obmann der Internationalen Paul-Preuss-Gesellschaft (IPPG) war zusammen mit dem Deutschen Alpenverein (DAV) Veranstalter dieses Treffens, in dem kompetente Redner über das Schicksal jüdischer Bergsteiger und Bergsteigerinnen referierten; im Mittelpunkt standen Paul Preuss und der Psychiater Viktor E. Frankl. Bachler stellte die IPPG und ihre Ziele vor; ein jedes Jahr vergebener Preis für bedeutende Freikletterer im Sinne von Paul Preuss und seit kurzem auch ein Jugendförderpreis sollen das Gedächtnis und das bergsteigerische Erbe von Paul Preuss am Leben erhalten.
DAV-Präsident Josef Klenner begrüßte als Hausherr in der DAV-Geschäftsstelle in München die Gäste und und sprach über den Ausschluss jüdischer Bergsteiger und Bergsteigerinnen aus dem Alpenverein in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, als der Antisemitismus immer bedrohlicher wurde.
Der ehemalige bayerische Kulturminister Georg Spaenle, jetzt Beauftragter der Staatsregierung, sprach über jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus.
Andreas Dick, Alpinjournalist und Bergführer, stellte Leben und Wirken von Paul Preuss dar; Dabei verlas er das Manuskript von Nicho Mailänder, der bei der IPPG dieses Treffen angeregt hatte; beim DAV ist dies auf Anhieb auf großes Interesse gefallen.
Robert Renzler, ehemaliger Generalsekretär des Österreichischen Alpenvereins ÖAV), erinnerte an den jüdischen Psychologen und Bergsteiger Viktor E. Frankl.
Melanie Grimm, Vizepräsidentin des DAV, verlas das Manuskript der Präsidentin der Israelitischen Kulturgemeinde für München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, die den jüdischen - und auch ihren persönlichen - Blick auf die Berge schilderte, aber an der Veranstaltung nicht persönlich teilnehmen konnte.
Überraschungsgast am Ende der Rednerliste: Spitzenbergsteiger Thomas Huber im Interview mit dem Moderator Ernst Vogt.
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